von Christa Blanke, Gründerin und Geschäftsführerin
»vergrößernCeuta, beim jährlichen Opferfest mit einem von 6.000 Hammeln, die innerhalb von zwei Stunden unbetäubt ermordet werden
Wenn wir die Arbeit von ANIMALS' ANGELS betrachten, fallen einige ethische Grundüberzeugungen auf, auf denen das tägliche Handeln basiert. Ich nenne sie die fünf „C“s. Diese fünf „C“s sind für jeden Menschen, der versucht die Welt zum Besseren zu verändern, wichtig. Während meiner Tätigkeit als Psychotherapeutin fühlte ich oft tiefes Mitgefühl (compassion) für meine Patienten. Ihre emotionale Gesundheit lag mir persönlich sehr am Herzen (commitment). Es erforderte ein hohes Maß an Vertrauen (confidence) in meine eigenen Fähigkeiten und noch mehr Mut (courage), einem selbstmordgefährdeten Menschen zu sagen: „OK, tun Sie es doch, ich kann Sie sowieso nicht davon abhalten ... aber die Leidtragenden werden Ihre Kinder sein“. Und ohne eine offene und aufrichtige Zusammenarbeit (cooperation) zwischen Psychotherapeut und Patient gibt es auch keine Heilung. Denken Sie an Amnesty International, an Organisationen, die sich für Kinder, Frauen oder AIDS Patienten einsetzen ... für all diese Organisationen könnten die fünf „C“s von Bedeutung sein. Wir setzen uns für die Tiere ein, gehören aber zu einer viel größeren Gemeinschaft von engagierten Menschen, die versuchen, die Welt zu verändern.
Für ANIMALS' ANGELS haben die fünf „C“s die folgende Bedeutung:
1. Compassion (Mitgefühl)
Compassion ist ein Wort, das sich nicht leicht ins Deutsche übersetzen lässt.
Das lateinische Wort „Passion“ bedeutet
a) Leid, Erleiden und b) Leidenschaft für jemanden/etwas, leidenschaftliche Liebe.
Der Titel von Farley Mowats Buch über Diane Fossey lautet “The Passion of Diane Fossey“ und spielt somit mit der doppelten Bedeutung des Wortes. Was bedeutet Mitgefühl (compassion) im Zusammenhang mit ANIMALS' ANGELS ?
Bei den Tieren zu sein bedeutet, mit ihnen zusammen zu leiden. Den Hunger, den Durst, die Müdigkeit, manchmal auch die Parasiten, bis zu einem gewissen Grad die Brutalität und die Hoffnungslosigkeit mit ihnen zu teilen. Es bedeutet, wie sie behandelt zu werden, d.h. lächerlich gemacht und nicht ernst genommen zu werden. Den Geruch von Ammoniak, die Hitze und die Kälte, den Gestank von vergossenem Blut zu ertragen. Im wahrsten Sinne des Wortes, körperlich.
Die ANIMALS' ANGELS Teams müssen gewillt sein, mit den Tieren durch all dieses Leid („Passion“) zu gehen. Und genau dies ist letztendlich auch der Grund für unseren Erfolg. Wenn jemand nicht bereit ist, diese Last (und es ist eine Last) auf sich zu nehmen, wird er oder sie nicht lange als Mitglied im ANIMALS' ANGELS Team überleben.
Bei den Tieren zu sein, bedeutet, sich nichts sehnlicher zu wünschen, als dass ihr unendliches Leid ein Ende hat. Sich leidenschaftlich danach zu sehnen, dafür zu kämpfen, sein eigenes Wohlbefinden zu opfern, um die Grausamkeiten, die den Tieren Tag für Tag zugefügt werden, zu beenden. Genau das ist es, was die ANIMALS' ANGELS Teams im Grunde genommen motiviert und sie alles ertragen lässt: die Langstreckentransporte, die Gespräche, die Überzeugungsarbeit, die Film- und Videoaufnahmen, die Übersetzungen, die Polizeischulungen und die Versuche, das Verhalten der Fahrer zu ändern... Ein verzweifeltes Sehnen danach, dass all diese Gräueltaten und Grausamkeiten an unschuldigen Geschöpfen ein Ende nehmen.
Unser erster „C“ – compassion – beschreibt daher nicht, was wir tun oder verändern können, sondern was in unserem Innersten vorgeht, etwas sehr Persönliches, etwas worüber wir nicht oft sprechen, etwas das immer da ist, mit jedem Herzschlag unseres Körpers.
»vergrößernChrista Blanke mit Charlotte, Bodzentyn 2004
2. Commitment (Einsatz / Engagement / Hingabe)
Für mich hat das Wort „Commitment“ eine sehr wichtige und tiefgreifende Bedeutung. Sobald wir uns einmal entschieden haben, uns für die leidenden Tiere einzusetzen, gibt es kein zurück mehr. Die letzte Konsequenz daraus ist, sich vegan zu ernähren. Auch der Gebrauch gewisser Worte ist zu vermeiden, denn für jemanden, der sich für Tiere engagiert, gibt es weder „pork“ (Schweinefleisch) noch „beef“ (Rindfleisch), sondern nur das Fleisch eines Schweines oder einer Kuh.
Wenn wir uns selbst als Botschafter für die Tiere sehen, müssen wir ehrlich und glaubwürdig sein – genauso wie die Botschafter eines Landes. Es werden uns oft persönliche Fragen bezüglich unserer Glaubwürdigkeit gestellt – von Fahrern (essen Sie Fleisch?), von Tierärzten (wie kommt es, dass Sie all diese Strapazen auf sich nehmen?), von Exporteuren (werden Sie dafür bezaht?) – und in unseren Antworten geht es immer um „commitment“, d.h. um persönlichen Einsatz und Hingabe. Das ist die treibende Kraft hinter all unserem Tun. Ein engagierter Mensch gibt niemals auf. Meine Mitarbeiterinnen und ich haben einen Satz kreiert, den wir uns immer wieder vorsagen, wenn gar nichts mehr funktioniert und kein Fortschritt mehr möglich scheint: Wir machen einfach immer weiter ... (Let us carry on, regardless ...).
„Commitment“, d.h. persönlicher Einsatz und Engagement, hat nichts mit täglichem Fortschritt, Erfolgen oder Niederlagen zu tun. Es handelt sich um eine Entscheidung des Herzens. Sobald sie einmal getroffen wurde, kann sie auch nicht mehr revidiert werden, ohne dass dabei etwas Wichtiges im Leben verloren ginge. „Commitment“ ist die Kraft, die uns in schwierigen Zeiten begleitet.
Auch das zweite „C“ beschreibt demzufolge nichts, was wir tun oder verändern können; es bezieht sich auch nicht auf irgendwelche Aktivitäten, die durchzuführen sind. Es handelt sich vielmehr um etwas sehr Persönliches, aber trotzdem auch sehr Öffentlichkeitsbezogenes, da es ständig von Menschen, denen wir im Rahmen unserer ANIMALS' ANGELS Arbeit begegnen, hinterfragt wird.
»vergrößernChrista Blanke auf einem illegalen Markt in Portugal
3. Confidence (Vertrauen)
Im Zusammenhang mit ANIMALS' ANGELS bedeutet das Wort „confidence“, Vertrauen in sich selbst und seine Arbeit zu haben.
Ständig unterwegs zu sein, Märkte, Saleyards, LKWs und Schiffe zu kontrollieren, Polizeischulungen durchzuführen und mit Veterinären zu sprechen, die sich selbst, was Tiere betrifft, für die größten Experten halten – all dies und viele andere Aufgaben erfordern ein starkes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, um Veränderungen zum Besseren zu erreichen.
Dieses persönliche Selbstvertrauen (Selbstsicherheit) basiert notwendigerweise auf Training, Wissen und Bildung. Aus diesem Grunde unterziehen sich die ANIMALS' ANGELS Teams ständig irgendeiner Art von Training oder Schulung. Manchmal geht es darum, eine Sprache zu lernen: die arme Iris musste Griechisch lernen... Ein anderes Mal geht es darum, sich mit komplizierten Gesetzesfragen auseinander zu setzen: Christine eignet sich auf diesem Gebiet immer mehr Wissen an. Aber alle von uns hören nie auf, Neues zu lernen. Das beste Beispiel dafür ist im Moment unser Büro in Freiburg, wo eine völlig neue Datenbank erst einmal verstanden und dann benutzt werden muss ...
Einmal habe ich Christine dabei beobachtet, wie sie mitten in der Nacht zusammen mit der Polizei eine Kontrolle in Italien durchgeführt hat. Was Selbstvertrauen betrifft, war dies eine Lektion für mich, die ich nie vergessen werde. Unsere „Queen of Bavaria“ übte so viel freundliche Autorität aus, dass die Polizisten in ihren großartigen Uniformen und mit ihrem typisch männlichen Macho-Verhalten am Ende genau das taten, worum sie gebeten wurden – und zwar von einer jungen deutschen Frau, die nicht das geringste Recht hatte, sie herumzu-kommandieren. Noch ein anderes Beispiel: Julia erwartet von Menschen ganz einfach, dass sie sich den Tieren gegenüber vernünftig und rücksichtsvoll verhalten. Oft konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, wenn sie sagte: „Ach, mache Dir keine Sorgen, die Polizei oder der Marktdirektor oder der Fahrer, sie alle werden ihr Verhalten schon noch ändern ... Und letztendlich taten sie es dann auch.
Vertrauen kommt mit dem Alter, mit der Erfahrung und dem entsprechendem Training.
Aber es gibt auch noch einen anderen Aspekt, der erwähnt werden muss. Kennen Sie den Begriff: vertraulich, ins Vertrauen gezogen zu werden (etwas Vertrauliches erzählt zu bekommen)? Immer mehr Menschen teilen ihr Wissen mit uns, Menschen, die Angst davor haben, ihre Arbeit zu verlieren, Menschen, die anderen nicht so leicht vertrauen. Von den ANIMALS' ANGELS Teams wird erwartet, dass sie das Vertrauen dieser Menschen niemals missbrauchen, selbst wenn es sich um Feinde der Tiere und damit auch um unsere Feinde handelt. Wir müssen an unseren eigenen Wertvorstellungen festhalten, unabhängig davon, was andere tun. Und dazu gehört auch, vertrauliche Informationen vertraulich zu behandeln.
4. Cooperation (Zusammenarbeit)
Die Tolkien Fans unter Ihnen wissen, dass ein Teil der Herr der Ringe Trilogie den Titel „Die Gefährten“ (The Fellowship of the Ring) trägt. Eine Bedeutung des Wortes Kooperation ist Kameradschaft („fellowship“). Während eines Einsatzes ist auf niemanden mehr Verlass als auf andere ANIMALS' ANGELS Teams. Früher dachte ich oft, dass es pure Verschwendung teuren Personals sei, zwei erfahrene Frauen zusammen auf einen Einsatz zu schicken. Aber die Zeit hat mir gezeigt, dass auf diese Art und Weise ein viel besseres Ergebnis erzielt werden kann als man es mit freiwilligen Helfern erzielen könnte. Und in Stresssituationen ist die Zusammenarbeit mit Kollegen/innen, die man kennt und auf die man sich verlassen kann, auf jeden Fall vorzuziehen. Aus diesem Grund haben wir unsere Taktik geändert und schicken seit 2005 oft zwei oder mehr erfahrene Mitarbeiterinnen zusammen zu einem Einsatz.
Erweiterte Kooperation bedeutet, dass wir mit allen zusammenarbeiten, die bereit sind, das Leid der Tiere zu lindern. Dies stellt uns oft vor ethische Konflikte. Wie können wir mit einem Schlachthofdirektor auch nur ein einziges Wort sprechen? Oder mit einem Exporteur, der für den grausamen Tod von Hunderttausenden von Lämmern verantwortlich ist? Wie können wir mit Tierärzten zusammenarbeiten – den einzigen Ärzten, die ihre eigenen Patienten aufessen?
Ich möchte an dieser Stelle klar betonen: Es bleibt jedem einzelnen von uns persönlich überlassen, mit wem er/sie zusammenarbeitet und mit wem nicht. Ich respektiere stets die Entscheidung der einzelnen Teams genauso wie ich es von ihnen erwarte, dass sie meine eigenen Entscheidungen respektieren. Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Verhaltensweisen beurteilen manche Situationen auch unterschiedlich. Worauf es wirklich ankommt, ist die Zusammenarbeit zwischen den ANIMALS' ANGELS Teams. Die Zusammenarbeit mit anderen ist eine Sache des persönlichen Urteils.
5. Courage (Mut)
Was kostet den größten Mut? Zuzugeben, dass man Angst hat. Deshalb mussten alle von uns erst einmal lernen, mit anderen über die eigenen Ängste und Sorgen zu sprechen. Anders ist wirklicher Mut nicht zu finden.
Lesley beispielsweise ist nicht gerne längere Strecken ohne eine verlässliche Kollegin oder Freundin auf europäischen Autobahnen unterwegs. Und sie gibt das auch zu. Auch wenn es sehr viel Mut kostet, da Iris, Julia und Christine niemals auch nur erwähnen würden, dass ihnen das Fahren zu viel wird. Ich selbst bin ein eher ängstlicher Mensch und frage mich manchmal, wie ich mit so vielen unerschrockenen Teams zusammenarbeiten kann... Mein Leben wurde definitiv einfacher, seitdem ich begonnen habe, mit den Teams, die mich stets ermutigen, über meine Ängste zu sprechen. Wir sind alle auf der Suche nach Menschen, denen wir vertrauen können, die unsere Arbeit und die vielen damit verbundenen Herausforderungen verstehen und diesen Menschen vertrauen wir auch unsere Ängste an. Die Belohnung dafür ist – Mut natürlich.
Ein Aspekt von Mut ist korrektes Urteilen darüber, was möglich ist, was verantwortungsbewusst ist und was ratsam ist. Mut sollte niemals mit Tollkühnheit oder Leichtsinn verwechselt werden. Die Tiere brauchen keine Märtyrer. Sie brauchen Menschen, die mutig genug sind, bei ihnen zu bleiben und die klug genug sind, ihnen fern zu bleiben, wenn die Umstände zu gefährlich werden.
Manchmal denke ich, wie glücklich wir uns schätzen können, dass bis jetzt noch kein ANIMALS' ANGELS Team verletzt wurde, ernsthaft Erfahrung mit Gewalt machen musste oder einen Unfall hatte. Ein Grund dafür ist die Vorsicht der Teams. Und ein weiterer Grund ist, dass all diese mitfühlenden, engagierten, vertrauensvollen, kooperativen und mutigen Teams ihren eigenen Schutzengel haben, der sie leitet und schützt. Das ist zumindest meine feste Überzeugung.
Diese fünf „C“s sind das Geheimnis des Erfolges von ANIMALS' ANGELS . Wo viele andere scheiterten, waren wir erfolgreich. Bis jetzt sind wir noch eine kleine Organisation. Und eine der spannendsten Herausforderungen der Zukunft wird es sein, das Augenmerk auch weiterhin auf Mitgefühl, persönliches Engagement, Vertrauen, Zusammenarbeit und Mut zu richten, während wir immer größer und international anerkannter werden. Wird es genug Menschen geben, die bereit sind, ihr Leben an den fünf „C“s zu orientieren? Die Zeit wird es zeigen...