„Sind so traurige Augen …“
…dass man sie nicht vergessen kann.
Wer kennt nicht die Zeilen aus Bettina Wegners Lied „Sind so kleine Hände, winz'ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann…“
Viele Tierkinder haben keine singende, dichtende Lobby. Sie sind auf Transporten. Sie stehen zwischen großen Pferden, Stuten und Hengsten, von ihren Müttern getrennt. Acht, 24, 72 und mehr Stunden. Sie haben Angst. Wasser, Futter und Ruhe? Keine Chance. So wie Katinka, das Fohlen auf dem Transport in Italien. Sie kommt aus Osteuropa, um in Süditalien geschlachtet zu werden. Aus Katinka wird Babynahrung, weil es Menschen gibt, die meinen, Fohlenfleisch sei gesund für Babys und Kinder. So werden Babys und Kinder gegen ihren Willen dazu gebracht, andere Kinder zu essen, weil ihre Eltern das so wollen.
Gewollt ungewollte Schwangerschaften
Milch ist überall. Sie steckt als Rohstoff in Kosmetik und Heilmitteln. Milch ist das beliebteste Nahrungsmittel. „Viel Milch - wenig Kakao“ dürfte einer der bekanntesten Werbesprüche sein. Milch ist Synonym für gesunde Ernährung und Fitness bis ins hohe Alter.
Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie ein Kalb bekommen. Sie muss es austragen, gebären und dann so schnell wie möglich von ihm getrennt werden. Es soll, so will es die industrielle Milchproduktion, möglichst Kosten sparend oder gar Profit bringend verschwinden. In einem Maststall in Sibirien (dort ist mästen sehr billig) oder einem dieser engen Metallsärge, in dem es nur liegen und stehen kann. „Milch bis ins hohe Alter, Milch für die eigene Fitness und Gesundheit“ kommt den Kälbern nicht zugute. Sie werden über tausende Kilometer transportiert, ohne ausreichende Versorgung, ohne Transportpausen, damit wir Konsumenten fit und gesund bleiben. Aber selbst das ist ein Trugschluss, wie uns das Buch von Maria Rollinger „Milch besser nicht“ nahe legt: Milch ist ein Risikofaktor geworden, für Mensch und Tier.
Rausgeputzt für den Verkauf
Ziege Petra wartet auf dem Tiermarkt in Temerin, Serbien, auf den neuen Besitzer. Rausgeputzt schaut sie mit wachen Augen erwartungsvoll um sich. Nicht wissend, dass sie wie die anderen vielen hundert Ziegen, Kühe, Schweine, Hühner und Hasen auf dem wöchentlichen Markt zum Schlachten angeboten wird.
Keine Wohnungsanzeige
Was auf den ersten Blick vielleicht so aussieht, als ob hier attraktive Appartements mit Aussicht zu haben sind, wird erst auf den zweiten Blick zu einer schlechten Osterbotschaft. Beschrieben werden die vier Ebenen eines Tiertransporters. Hier stehen eng zusammengepfercht bis zu 200 Lämmer pro Ebene. Auch die Höhe der Ebenen ist für viele Lämmer nicht ausreichend, um aufrecht zu stehen. Diesen Transporter haben wir am 14. März 2005 in Italien entdeckt. Er kam aus Slowenien und brachte die "Oster"lämmer nach Italien in Schlachthaus.
Warum müssen Bullen LKW fahren?
Die Ohrmarke: Bei Kuscheltieren ist sie ein Qualitätszeichen, bei Pedro von den Azoren dokumentiert sie seine Lebensgeschichte. Sie macht ihn zur Nummer in einem schon vor seiner Geburt festgelegtem Schicksal. Geboren als Fleischlieferant durchläuft Pedro alle Stationen einer auf Gewinn ausgerichteten Fleischindustrie.
Die Aufnahme entstand auf einem LKW im Hafen von Lissabon, inmitten gigantischer Container, gewaltiger Kräne und Dieselgestank verbreitender LKWs. Ein Ort, an dem ein Tier nicht sein sollte.
Hase im Glück
„Schlacht“hase Simon und sein Freund Tipi sind Glückskinder. Simon war bereits in einem Schlachttransport in Ungarn und wartete mit 800 Artgenossen vor einem Schlachthaus auf sein Ende. Das Animals' Angels Team begleitete schon einige Stunden den Transport und kam vor dem Schlachthaus mit dem Fahrer ins Gespräch. Vielleicht war es für den Fahrer eine Art Befreiung, wenigstens einem Hasen aus seinem Todestransport das Leben zu retten. Er griff in eine der engen Boxen, zog Simon heraus und drückte ihn dem Animals' Angels-Team in die Arme.
Kurze Zeit später entdeckte ein Animals' Angels-Freund in den Straßen von Rom Tipi, allein und verlassen. Er nahm ihn mit und brachte ihn zu Simon, der inzwischen bei Andrea Jänisch und ihren Pferden ein paradiesisches Zuhause gefunden hat. Am liebsten verbringen die beiden ihre Zeit in der Reithalle mit und zwischen den Pferden.
Foto: Tipi und Simon (vorne), Andrea Jänisch.
Verkehrte Welt!
Laut Bericht der FAO (Vereinte Nationen) werden jährlich 50 Milliarden Tiere zum Schlachten transportiert. Eine Zahl, die das menschliche Hirn nicht mehr erfassen kann, aber durch Menschen verursacht wird.
Am Schlimmsten betroffen sind Hühner und andere gefiederte Tiere. Sie werden mit 45 Milliarden Opfern angegeben. Diese Mengen können nur industriell verarbeitet werden. Die Bilder sind bekannt: Legebatterien, Muser für Küken, Massentötungen bei Krankheiten. Auch das wird von Menschen milliardenfach getan. Von Menschen, die sich – so ist anzunehmen – an Bildern einer heilen Welt erfreuen.
Unerreichbares Glück
30 Grad im Schatten. Aufgeheizter Asphalt. Drangvolle Enge. Beißender Gestank nach Urin. Verkehrslärm. Ungewissheit, Angst, fremde Umgebung, fremde Tiere. Futter? Wasser? Ein Glückspiel. Auch wenn das Transportfahrzeug mit einem gefüllten Wassersystem ausgerüstet ist, ist es nicht sicher, ob jedes Schaf trinken kann. Viele kommen mit dem Tränkesystem nicht zurecht. Woher auch, das haben sie nie gelernt. Manche erreichen nicht einmal den Nippel, denn die Ladedichte verhindert den freien Zugang. Für manche Schafe bleibt es beim durstigen Blick, bevor sie sich mut- und kraftlos ihrem Schicksal ergeben. Die Durststrecke endet im Schlachthaus – tot oder lebendig.
Nur wer Wissen ausblendet, kann genießen
Als Ferkel werden sie in Deutschland, Holland oder Belgien innerhalb von 24 Wochen auf ein Schlachtgewicht von 100 Kg gemästet. Anschließend geht die Tortur weiter in stickigen, überfüllten Langstreckentransportern, die kaum Luft zum Atmen lassen, in denen das kühlende und durstlöschende Wasser für die meisten Tiere in unerreichbarer Ferne bleibt. Sie werden nach Italien verschleppt, um als ECHT „Sardisches Spanferkel“ oder „Parmaschinken“ bei den Verbrauchern zu enden.
Was essen wir da eigentlich? Was haben die Überreste eines bis zum Tode gequälten Tieres mit dem zu tun, was uns Verpackung und Werbung vorgaukeln? Nichts! Schon gar nichts mit Genuss!
Hitzefrei – davon träumen nicht nur Schüler
In der Theorie sind Langstreckentransportfahrzeuge mit Tränkevorrichtungen und Belüftungssystemen ausgerüstet. Aufschriften wie „Wir fahren lebende Tiere nach den EU-Vorschriften“ gaukeln Wohlbefinden der Tiere vor. Die Praxis zeigt vielfach ein anderes Bild. Die Tränkevorrichtungen sind nicht tiergerecht oder nicht funktionstüchtig. Die Ventilation bleibt dem Zufall der Fahrtgeschwindigkeit überlassen. Und bei hochsommerlichen Temperaturen werden die Metalltransporter zu Öfen. Die Tiere japsen nach Luft, ihre Schleimhäute sind gereizt, die Atemwege angegriffen. Der Körper verlangt nach Wasser, nach erfrischender Abkühlung. Das Leiden entlang der sommerlichen Landschaften findet erst ein „erlösendes“ Ende im Schatten der Schlachthaushallen.
Mitten in Europa – Straffreiheit für Tierquälerei
28. Juli 2005, 10:00 Uhr. 20 °C, es regnet. In Best, Holland, startet ein LKW mit 400 Ferkeln und 70 Schweinen. Ziel: Pagani bei Salerno, Italien. Entfernung: 1.800 Kilometer. Geplant sind zwei Stopps: In Perugia werden 300 Ferkel abgeladen, in Merano nochmals 100. Darunter sind 27 tote Tiere. Wahrscheinliche Todesursache: zu dicht geladen und Hitze. Die Überlebenden bleiben 24 Stunden in einer Versorgungsstation, um dann nach Sardinien transportiert zu werden. Gegen 15:00 Uhr steckt der Transport mit den verbliebenen 70 Schweinen im Stau, zwei Stunden bei einer Außentemperatur von 40 °C im Schatten. Der Laderaum wird zum Ofen. An Bord kein Wasser. Die Ventilation kommt gegen die Hitze nicht an. Die Tiere stehen zu dicht auf zwei Etagen. Sie hecheln nach Wasser, lutschen an den Eisenstäben der Vergitterung, dehydrieren, werden schwach. Die ersten Schweine legen sich hin und kommen nicht mehr auf die Beine. Bei einer Kontrolle gegen 18:00 Uhr (sagt uns der Fahrer) sind sechs Schweine tot. Bis Mitternacht sterben weitere 34 an den Folgen der Hitze. Am 29.8.2005, 20.40 Uhr stoppt Animals’ Angels den Transport im Rahmen einer Kontrolle auf der A1, 50 km nördlich von Rom. Ein fürchterlicher Gestank schlägt dem Animals' Angels-Team entgegen. 40 tote, zum Teil verwesende Tiere liegen auf zwei Etagen. Dazwischen schwache und verstörte, noch lebende Tiere. Spuren von Kannibalismus zeugen von unermesslichem Leid und existenzieller Not. Das Animals’ Angels-Team veranlasst, dass der Transport zu einer Tierkörperaufbewahrungsstation in Patrica, Provinz Frosinone gebracht wird. Dort entlädt das Animals' Angels-Team die Kadaver und versorgt die überlebenden 30 Tiere mit Wasser. Futter wird organisiert. Zwei Schweine müssen dennoch notgetötet werden. Polizei und Veterinär verhängen eine Strafe in Höhe von 21.686 Euro. Nutzen wird das diesen Schweinen nicht. Schaden tut es dem verantwortlichen Spediteur auch nicht, denn er wird wie die meisten anderen auch, die Strafe einfach nicht bezahlen. Solange das in der EU Praxis ist, gehen diese Transporte weiter.
Immer wieder heißt es Abschied nehmen
Die Animals' Angels-Schmiede in Polen und Serbien leisten Knochenarbeit. Sie korrigieren Jahr für Jahr bei hunderten Pferden, Eseln und Kühen die Hufe und Klauen. Immer mit dem Ziel, den Tieren Schmerzen zu ersparen. Hierbei bilden sich für Minuten oder Stunden zarte Bande.
Die über den Rücken vorsichtig entlang gleitende Hand nimmt ersten Kontakt auf, die Stimme beruhigt. Mit einem Stück Brot wird Zutrauen und Vertrauen geschaffen. Man schaut sich in die Augen und wird für den Moment ein Team in der Not. Nach getaner Arbeit fällt der Abschied immer wieder schwer. Besonders dann, wenn die Hilfe einzig und allein dazu dient, dem Tier körperliche Schmerzen auf dem Transport ins Schlachthaus zu ersparen. Freude herrscht dann, wenn die Behandlung dazu führt, dass die Tiere überleben: Dass die Kuh wieder frist, weil sie keine Schmerzen mehr hat und als Milchlieferant für den Bauern wieder wertvoll ist. Dass das Pferd nicht mehr lahmt und vom Besitzer behalten wird, weil es wieder den Wagen und Pflug ziehen kann.
Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde
Die Augen leuchten, Vorfreude, etwas Angst oder Respekt aber auch der Wille, eine Freundschaft zu schließen, dürfte für die meisten von uns das Gefühl gewesen sein, als wir zum ersten Mal auf einem Pferd sitzen. Normalerweise beginnt jede Reiterkarriere in einer Reitschule. Dort tragen uns brave und bewährte „Schul“pferde, die geduldig alle Fehler verzeihen. Wir schließen Freundschaft fürs Leben – aber leider eben nicht mit dem Pferd, welches uns hier gegenübersteht, sondern mit dem Reiten. Unser Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Plural - Stimmt. Nur leider wechseln diese Glücksbringer. Während wir uns je nach Fortschritt unseres Könnens auf den nächsten Pferderücken schwingen, bleibt das Schulpferd der ersten Stunde zurück. Irgendwann findet sich der Glücksbringer für so viele Menschen auf einem Pferde-Schlachtmarkt. Wie dieses „Schul“pferd in Holland.
Indisponierte Disponenten!
Die LKWs stehen Stoßstange an Stoßstange. Seit Stunden, nach vielen Stunden Fahrt. Wann es weiter geht, weiß keiner der Fernfahrer so genau. Man munkelt gegen 18.00 Uhr. Das Wetter kam überraschend. Zumindest für die, die sich um Wettervorhersagen nicht kümmern. Es gibt sie, aber nutzen? Das würde ja Zeit, Mühe und Einfühlungsvermögen in der Vorbereitung kosten. Ausbaden müssen es ja eh nicht die Disponenten des Transports. Aber man könnte meinen, dass diese Herrscher der Routen und Terminpläne völlig indisponiert sind. Warum gibt es so viele Tiertransportunfälle auf den Straßen wegen Übermüdung der Fahrer? Warum müssen an der französisch-italienischen Grenze 40 LKWs mit über 1.000 Tieren 12 und mehr Stunden unter widrigsten Umständen im Stau stehen? Es ist nicht zu glauben, dass immer noch Tiertransporte so geplant werden, als ob die Straßen frei, das Wetter ideal und die Fahrer nie müde wären.
Wer Qualen sät wird Seuchen ernten
Der Frühling naht. Die ersten Sonnenstrahlen wecken die Lust auf Wärme, Straßencafés und Ferien. Die Flieger auf die Kanaren sind ausgebucht. Tausende Touristen werden auf lauschigen Plätzen sitzen und die berühmten spanischen Tapas genießen. Bewusst genießen? Wohl eher nein. Denn wer macht sich darüber Gedanken, dass die Mengen an Nahrungsmitteln, die die Menschenmengen verzehren, auf die Inseln transportiert werden müssen. Auch Tiere. Millionen gehen auf die Transporte. So auch Hühner. In jedem Biss Fleisch ist ihre Geschichte enthalten: Dreckige Aufzucht, quälender Transport, Stress zu allen Lebzeiten und das Ende in einem Schlachthaus. Könnten die Tiere reden, sie würden uns empfehlen: „Esst mehr Obst und Gemüse!“ Ist eh viel gesünder.
Kleine, zähe Schritte zum Erfolg
Die Situation vor Ort ist undurchschaubar. Die handelnden Personen unklar und dubios. Korruption ist Normalität. Die Informationen, die vorliegen sind grauenhaft: völlig verwahrloste Pferde, krank, verletzt und bis auf die Knochen abgemagert. Sie stehen tief in der eigenen Scheiße. Die Blicke apathisch. Sie sind Platzhalter in einem Quarantänestall und halten mit ihrem Körper und Wesen dafür hin, dass andere Pferde auf die qualvollen Langstreckentransporte gehen. Angesichts dieser Situation ist der Druck für Animals’ Angels groß. Einerseits MUSS den Tieren geholfen werden. Andererseits stellt sich die Frage: WO anfangen? Fünf Jahre zähes Recherchieren, Dokumentieren und Vorsprechen bei den Behörden in Ost und West haben jetzt dazu geführt, dass das ein Ende hat. Es geht also, wenn man dran bleibt.
Das beste Krisenmanagement ist Prävention
Die Welt rüstet auf. Gegen Tiere. Gegen Zugvögel, Federtiere überhaupt. Plötzlich gilt wieder, dass nur eingesperrte Tiere sicher sind. Eine Sonderkommission unter „Feder“führung des Verbraucherministeriums soll jetzt für Sicherheit sorgen. Fragt sich für wen?
Die Vogelgrippe ist plötzlich in aller Munde. Jedes Federtier, welches aus östlicher Richtung als unnatürlich gestorben gemeldet wird, löst Alarm aus. Geschlossene Grenzen sollen Sicherheit vorgaukeln. Wie soll das bitteschön gehen? Das ist Unsinn im doppelten Sinn des Wortes. Erstens: Man kann die Grenzen nicht dicht machen. Zweitens: Wer Tiere in Massenhaltung zu „gesund aufwachsendem Fleisch“ (so zu lesen auf Schweizer LKWs für Tierfutter) degradiert, lässt alle diese Tiere eines unnatürlichen Todes sterben. Jedes einzelne Tier sollte bei uns Alarm auslösen. Und einer Sonderkommission die Aufgabe übertragen, dem Irrsinn der Massentierhaltung ein Ende zu bereiten. Dann hätten wir echte Sicherheit – für Tier und Mensch.