08.11.2008 | Der Tagesanzeiger zu Tiertransporten
Das lange Leiden auf dem Weg zum Schlachthof
Millionen von Schlachttieren werden jährlich quer durch Europa transportiert. Seit 2007 gibt es zwar Vorschriften, kontrolliert wird aber kaum.
Die schrecklichen Bilder der ZDF-Fernsehdokumentation mit dem Titel «Endstation Beirut» liessen niemanden kalt. Sie zeigten, wie im Hafen von Beirut Rinder, die auf subventionierten Transporten aus Europa nach Libanon kamen, ausgeladen wurden: Verletzte, entkräftete Tiere werden an den Beinen aufgehängt und mit Seilwinden wie leblose Ware vom Schiff gehievt. Dabei schleudern sie gegen den Schiffsrumpf. Mit gebrochenen Beinen werden sie dann auf einen LKW geworfen und zum Schlachthof gefahren.
Von Felix Maise, Tagesanzeiger Zürich
Nach der Ausstrahlung des Films ging vor allem in Deutschland eine Welle der Empörung durch die Bevölkerung. Im Oktober 2005 wurden die schlimmen Fernsehbilder auch der für Landwirtschaft und Exportsubventionen zuständigen EU-Kommissarin Mariann Fischer-Boel gezeigt - mit Folgen: Die EU-Kommission strich bald darauf die umstrittenen Ausfuhr-Förderbeiträge für Schlachtrinder aus der EU in Drittländer.
Von einem Meilenstein in ihrem Kampf gegen die subventionierte Tierquälerei sprachen die Tierschützer damals. Verschwunden sind die schrecklichen Szenen damit aber leider nicht: Statt aus Triest und dem französischen Sète legen jetzt Schiffe voll beladen mit Rindern aus dem brasilianischen Belèm in Beirut an.
Lebende Tiere als Stückgut
Die Horrorbilder lenkten die Aufmerksamkeit auch auf die innereuropäischen Tiertransporte. Denn auch auf Europas Strassen leiden Tiere tagtäglich. Mehr als 360 Millionen - Geflügel noch nicht einmal eingerechnet - werden jedes Jahr quer durch Europa gekarrt. Weit über 2000 Kilometer legen Pferde, Rinder, Kälber, Schweine oder Schafe dabei oft zurück, meist nur, um am Zielort geschlachtet zu werden. Auf engstem Raum zusammengepfercht und mangelhaft versorgt, werden sie zum Teil in mehrstöckigen Camions vor allem aus den Ländern Osteuropas in die Schlachthöfe in West- und Südeuropa transportiert (siehe Karte).
Jährlich werden zum Beispiel allein in Polen 30 000 Pferde mit dem Bestimmungsort Italien verladen. Tiertransporte unterliegen dabei den gleichen Mechanismen wie Stückguttransporte: Je höher die Stückzahl, desto grösser der Profit.
Hauptursache für die umstrittenen Langstreckentransporte ist die von der EU-Agrarpolitik geförderte Spezialisierung von Landwirtschaftsbetrieben und die Zentralisierung der Schlachthöfe. Dazu kommt, dass in der Branche rein wirtschaftliche Argumente zählen. Geburt, Aufzucht, Mast und Schlachtung der Tiere finden jeweils dort statt, wo es am billigsten ist. Die Tiere werden deshalb nicht in den nächstgelegenen Schlachthof gebracht, sondern dorthin, wo der grösste Erlös erwartet wird. Zudem ist der Transport lebender Tiere selbst über weite Strecken bisher billiger als derjenige von gekühltem oder gefrorenem Fleisch.
Gesetz ohne Hüter
Seit 2007 ist zwar eine neue europäische Gesetzgebung zum Schutz der Tiere beim Transport in Kraft. Bei den Verhandlungen dazu gab es aber eine Kluft zwischen Staaten, die nachhaltige Verbesserungen für die Tiere durchsetzen, und jenen, die davon nichts wissen wollten. In den zentralen Streitpunkten, der Ladedichte, den Anforderungen an die Transportbedingungen sowie den Maximalfahrzeiten und Pausenregelungen, konnte keine Einigung erzielt werden. Diese Knackpunkte verschob man auf später. Und begnügte sich mit minimalen Verschärfungen.
Wie mangelhaft der Vollzug dieser Minimalvorschriften ist, zeigt jetzt eine erstmals publizierte Statistik der Tierschutz-Organisation Animals’ Angels. Mitglieder der ganz auf Tiertransporte konzentrierten Stiftung führen seit Jahren selber Kontrollen auf den Strassen, in Häfen und auf Tiermärkten in Europa, Australien und Amerika durch. Bei 433 Kontrollen weltweit stellten sie im letzten Jahr über 1700 Verstösse fest. Für York Ditfurth, Geschäftsführer der Stiftung in der Schweiz, ist die EU-Transportverordnung schlicht ein Papiertiger. «Es gibt bis heute kaum jemanden, der sie durchsetzt», sagt er.
Polizisten als Partner
Die Kontrollen sind deshalb inzwischen zur Haupttätigkeit seiner Organisation geworden. Im Gegensatz zum rührigen Namen der Stiftung arbeiten deren Aktivisten absolut professionell und suchen nicht den öffentlichen Skandal, sondern dieZusammenarbeit mit den nicht immer unwilligen, sondern oft auch schlicht überforderten Kontrollbehörden. «Wir halten genau fest, gegen welche Vorschriften verstossen wird, erstatten bei allen zuständigen Stellen bis hinauf zur EU-Zentrale in Brüssel Anzeige und sorgen zudem dafür, dass leidenden Tieren wenn immer möglich unmittelbar geholfen wird, zum Beispiel mit einem Zwischenhalt.»
Dabei sei die Polizei meist der wichtigste Partner. Sie allein ist ermächtigt, Tiertransporter anzuhalten, Entladungen von LKW anzuordnen und auch unmittelbar Bussgelder zu verhängen. «Gleichzeitig ist die Polizei in der Anwendung der internationalen und nationalen Tierschutzbestimmungen aber meist gar nicht oder nur ungenügend ausgebildet», sagt Ditfurth. «Deshalb schulen wir seit 2004 regelmässig Polizisten und Lehrer von Polizeischulen.» Mehr als 2000 Polizisten haben bisher in Deutschland, Italien, Frankreich, Portugal und Australien Kurse besucht.
«Wesentliches Merkmal unserer Arbeit ist es, auch mit den Verantwortlichen der Fleisch- und Transportwirtschaft im Gespräch zu bleiben», sagt Ditfurth. Denn nur so seien auch Tierhändler und Spediteure selber bereit, tierschutzwidrige Zustände abzustellen oder zu verringern. Ziel aller Bemühungen bleibe allerdings, die Transporte ganz zum Verschwinden zu bringen. «Praktisch alle Menschen, welche die Problematik kennen und selber keinen Profit daraus ziehen, lehnen Langstreckentransporte zu Schlachtzwecken ab.»
www.animals-angels.org
Transitverbot unter Druck
Durch die Schweiz dürfen Europas Tiertransporter bisher nicht fahren. Daran hindert sie ein Transitverbot. Die EU möchte dieses aufheben und hat versucht, das in den bilateralen Verhandlungen zum Veterinärabkommen zu erreichen. Nach lautem Protest von Tierschützern und Bauern, die sich in diesem Punkt einig sind, hat der Bundesrat auf die Aufhebung verzichtet und das Verbot in einer Verordnung bestätigt.Bauern und Tierschützer wollen es aber noch verbindlicher: Angesichts der soeben gestarteten Verhandlungen zum Agrarfreihandel fordern sie eine Verankerung im Tierschutzgesetz, nicht bloss in der leichter abzuändernden Verordnung. Der Nationalrat ist ihnen im Herbst bereits gefolgt. Auch die Kommission des Ständerats unterstützt das Anliegen, das im Dezember ins Ratsplenum kommen wird. In sieben Kantonen, darunter auch Zürich, sind dazu zudem Standesinitiativen unterwegs. «Wir müssen alles tun, um dem Bundesrat und vor allem der EU klarzumachen, dass das Transitverbot auch in Zukunft nicht verhandelbar ist», sagt Hansuli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes (STS). (mai.)